24. Dezember

im Adventskalender

Eine Geburt am Weihnachtsabend

von Christian Sepp

Wir schreiben den 24. Dezember des Jahres 1837. Die Bewohner der königlichen Haupt- und Residenzstadt München bereiten sich gerade auf den Weihnachtsabend vor. Unter ihnen befindet sich auch Herzogin Ludovika in Bayern. Sie plant, das Fest bei ihrer verwitweten Mutter, der ehemaligen bayerischen Königin Caroline, zu verbringen. Die Herzogin ist im Begriff, ihren Wohnsitz an der Ludwigstraße zu verlassen, da bekommt sie von ihrem Artz den Rat, doch lieber zu Hause zu bleiben - denn Ludovika ist hochschwanger.

 

Und Ludovika tut gut daran, dem Ratschlag ihres Arztes zu folgen. Denn während man sich anderenorts zur Bescherung versammelt, setzen bei der 29-jährigen Herzogin die Wehen ein. Es ist eine schnelle und unkomplizierte Geburt: Als in München an diesem 24. Dezember spätabends die Weihnachtsglocken erklingen hält Ludovika in ihrem Boudoir bereits ihr Neugeborenes in den Armen. Es ist ein gesundes Mädchen, das zum großen Erstaunen mit einem Milchzahn auf die Welt kommt. Und das auch noch an einem Sonntag! Das sind gleich zwei positive Omen auf einmal.

 

Auch im nahegelegenen Leuchtenberg-Palais hat man sich an diesem Abend zur Bescherung im Familienkreis versammelt. Ludovikas Halbschwester Auguste und ein Teil ihrer Kinder sind gerade beim Tee, als sie die Nachricht erhalten, dass die Herzogin in Bayern ein Mädchen zur Welt gebracht hat. Auguste von Leuchtenberg zögert nicht lange, und macht sich mit zwei ihrer Kinder auf zum Wochenbett ihrer Halbschwester.

Für drei hochrangige Staatsbedienstete läuft dieser Weihnachtsabend hingegen nicht so gut, denn sie wurden dazu bestellt, als Zeugen für die Geburt des jüngsten Sprosses des Hauses Wittelsbach zu fungieren. Als die drei Staatsminister im Herzog-Max-Palais eintreffen um ihrer Pflicht nachzukommen, finden sie im Boudoir der Herzogin ein bunte Schar vor, die sich um Ludovikas Bett versammelt hat. Neben zwei Damen aus Ludovikas Gefolge treffen die Herren auf Auguste von Leuchtenberg und deren Kinder Eugenie und Maximilian, sowie Ludovikas Mutter Caroline. In der Runde fehlt nur einer: der Vater der neugeborenen Herzogin.

 

Herzog Maximilian in Bayern, Ludovikas Ehemann, hat an diesem Weihnachtsabend des Jahres 1837 wohl andere Gedanken im Kopf, als die Geburt seines vierten Kindes. Denn der Herzog befindet sich mitten in den Vorbereitungen für eine große Reise in den Orient, die er in wenigen Tagen antreten wird. Dass der Vater der kleinen Herzogin kurz nach der Niederkunft seiner Frau die Familie für mehrere Monate verlässt, ist nicht weiter erstaunlich, denn der Herzog und die Herzogin in Bayern führen eine merkwürdige Ehe. Die beiden sind miteinander verwandt und zum Teil zusammen aufgewachsen, aber als ihre Familien entscheiden, dass sie heiraten sollen, sind sie nicht begeistert. „Wir haben uns beide nicht heiraten wollen“, wird die pragmatische Ludovika im hohen Alter die Lage zusammenfassen. Dass das Paar auch über die Jahre nicht zusammenfinden, liegt sicherlich auch an dem Herzog, der es mit 

der ehelichen Treue nicht sehr genau nimmt. Einen ernsthaften Bruch zwischen den Eheleuten gibt es, als Anfang 1833 der zweitgeborene Sohn nur wenigen Wochen nach der Geburt an Keuchhusten stirbt. Während Ludovika über den Verlust des Kindes in einer Depression versinkt, eröffnet Max wenig später im Garten seines Palais einen Zirkus, in dem er selbst auftritt. 


T
rotz des angespannten Zustands in der Ehe von Ludovika und Max wird die Herzogin mit einer zuverlässigen Regelmäßigkeit schwanger. Insgesamt bringt sie zehn Kinder zur Welt, ein weiteres Kind verliert sie während der Schwangerschaft. Das Mädchen, das Ludovika am Weihnachtsabend 1837 in München zur Welt bringt, wird das berühmteste Kind in dieser Schar werden. Man tauft das Neugeborene auf den Namen Elisabeth Amalie Eugenie. Unter ihrem kindlichen Kosenamen „Sisi“ wird sie als Kaiserin von Österreich-Ungarn zu einer Legende werden.

 

 

Die Biografie über Herzogin Ludovika von Christian Sepp wird im Januar 2019 unter dem Titel „Ludovika. Sisis Mutter und ihr Jahrhundert“ beim August Dreesbach Verlag erscheinen. Das Buch kann momentan zu einem Preis von 22,40 € beim Verlag subskribiert werden (per mail an: Stefanie.Weiss@augustdreesbachverlag.de).